Brüder von Mono-chan (das letzte Kapitel ist da) ================================================================================ Kapitel 9: Geborgenheit ----------------------- Tsubasa wusste später nicht mehr, wie er den Abend hinter sich gebracht hatte. Er erinnerte sich dumpf daran, den Zettel mitsamt Stein entsorgt und seinen Eltern irgendeine glaubhafte Ausrede für die zerbrochene Scheibe aufgetischt zu haben, die sie wider Erwarten auch annahmen. Sie versprachen, für morgen einen Glaser zu bestellen, sein Vater schnitt ein Stück Pappe zurecht und klebte es darüber. Damit war die Sache für sie erledigt, und Tsubasa brachte den restlichen Abend damit zu, den Vorfall in den hintersten Willen seines Kopfes zu verbannen. Er musste sich so sehr darauf konzentrieren, dass er sich später an die eigentlichen Gespräche mit seinen Eltern nicht erinnern konnte, aber anscheinend war es ihm gelungen, sich normal zu verhalten. Gleichzeitig war am Ende des Abends eine Entscheidung in ihm heran gereift. Er würde die Sache für sich behalten. Kein Wort zu Sanae, zu seinen Freunden oder zu seinen Eltern. Vielleicht war ja wirklich alles nur ein böser Scherz – jemand, der sich über ihn und seine Paranoia lustig machen wollte. Anders konnte man es doch nicht bezeichnen, wenn bei der Botschaft die Erinnerung an einen Zettel an der Türklingel und den widerlichen Geruch eines Rasierwassers in seinem Kopf auf flackerte. Reine Paranoia – oder? Als gegen halb zehn das Handy klingelte und Sanae anrief, um ihm zu sagen, dass ihre Eltern überraschenderweise noch was trinken gegangen waren und zu fragen, ob er nicht vorbei kommen und bei ihr übernachten wollte, kam es ihm so vor, als hätte ihm jemand einen Rettungsring aus dem Gedankenstrudel zugeworfen. Er sagte zu, allerdings mit dem Einwand, dass er erst gegen halb elf vorbei hier weg konnte. Wenn sich seine Eltern schon so viel Mühe gaben mit dem Abend, wollte er nicht einfach so verschwinden. Sein Vater bot ihm an, ihn mitzunehmen, wenn er Daichi abholte, und Tsubasa nickte, obwohl er nichts gegen einen Spaziergang gehabt hätte. *** Als er später am Abend schließlich bei Sanae auf dem Bett saß, kam ihm alles schon wie ein böser Albtraum vor. Sie erzählte von ihrem Nachmittag mit Yukari – anscheinend waren die Beiden zunächst Eis-Essen gewesen und hatten das Treffen dann mit einer DVD ausklingen lassen. Es tat unheimlich gut, ihr einfach nur zuzuhören, während sie im Zimmer umher wuselte und anscheinend trotz der fortgeschrittenen Uhrzeit vor Energie zu platzen schien. Irgendwann wurde ihr jedoch bewusst, dass Tsubasa stiller war als sonst, und blieb stehen. „Wie war dein Nachmittag? Hast du dich mit Taro gut unterhalten?“ Tsubasa schrak hoch. „Was?“ „Ob du dich mit Taro gut unterhalten hast. Was hat er erzählt? Seit wann ist er wieder in Nankatsu?“, wiederholte Sanae geduldig, während sie ihren Sitzsack in die Nähe des Bettes zerrte und es sich dann darauf gemütlich machte. „Er ist seit 2 Monaten wieder da und hat aus denselben Gründen nichts gesagt wie wir.“ „Inoffiziell oder offiziell?“ „Beides.“ Sanae kicherte. „Und mit Marie ist alles in Ordnung?“ „Ja, scheint alles bestens zu sein, wobei es jetzt sicherlich schwierig für die Beiden wird – er hier, und sie in Paris.....“ „Sie schaffen es schon. Und was will er jetzt hier machen? Wahrscheinlich hauptsächlich Fußball spielen, oder?“ „Erfasst. Er will sich vielleicht sogar in Brasilien bewerben, weil Marie etwas in der Richtung studiert und wahrscheinlich auch eine Zeit lang dort sein wird.“ Sanae machte große Augen. „Im Ernst? Das wäre ja ein lustiger Zufall. Auch in Sao Paolo?“ „Keine Ahnung, das hat er nicht gesagt. Ein, zwei Jahre will er auf alle Fälle noch hier bleiben. Ich weiß auch nicht, wie offiziell das ist, also behalt es vorerst für dich, ja?“ Sanae legte eine Hand aufs Herz und machte eine wichtige Miene. „Ehrenwort.“ Sie wurde ernst. „Und mit dir ist alles in Ordnung?“ „Sicher, warum?“ „Du bist so still – wie immer, wenn du....“ Sie brach ab, dann redete sie weiter. „Hat es was mit der Kellertür zu tun?“ Tsubasa war fast erleichtert. Wie immer hatte Sanae sofort gespürt, dass etwas nicht stimmte....allerdings ohne den richtigen Grund zu ahnen. Wobei, mehr oder weniger hatte sie ja doch recht..... Er schwieg ein paar Sekunden, dann streckte er die Arme nach ihr aus. „Komm her.“ Sanae stutzte, dann lächelte sie und kämpfte sich wieder aus dem Sitzsack, bevor sie zu Tsubasa auf das Bett krabbelte. Er legte die Arme um sie, und Sanae schmiegte sich mit einem zufriedenen Seufzen an ihn. „Auf die Idee hätte ich auch gleich kommen können....“ Tsubasa antwortete nicht, statt dessen küsste er sie leicht in den Nacken und atmete ihren Geruch tief ein .Sanae kicherte. „Das kitzelt.....“ „Jetzt im Moment ist alles in bester Ordnung.“, meinte Tsubasa leise, ohne sich von ihr zu lösen, und das war nicht einmal gelogen. Sanae lächelte wieder und lehnte den Kopf gegen seine Schulter. „Dann ist gut.“ *** Mitten in der Nacht wurde Tsubasa wach. Er wusste nicht, wieso, aber er spürte es. Sanae neben ihm schlief seelenruhig weiter, zum Glück. Tsubasa richtete sich behutsam auf, um sie nicht zu wecken, und fuhr sich mit dem Ärmel über das schweißnasse Gesicht, bevor er genauso vorsichtig aufstand und zum Fenster ging. Er konnte sich nicht daran erinnern, was er geträumt hatte, konnte es sich aber dem Gefühl nach denken. Eigentlich kein Wunder – erst die Kellertür, dann der Stein. Hoffentlich konnte er in ein paar Minuten weiter schlafen. Wenigstens hatte er sich in den letzten Jahren so an diese Träume gewöhnt, dass sie ihm nicht mehr die ganze Nacht raubten, meistens zumindest. Tsubasa lehnte den Kopf an die kühle Fensterscheibe und blickte nach draußen. Es regnete, ab und zu blitzte es, aber der Donner war nicht zu hören. Anscheinend war das Gewitter weit weg. Gedankenverloren beobachtete er das Schattenmuster, dass die Bäume in der sekundenlangen Helligkeit auf das Straßenpflaster warfen. Dann erstarrte er plötzlich. Da draußen stand eine Gestalt im Regen und blickte direkt zu dem Fenster. Ein paar Sekunden lang rührte sie sich nicht, dann schlenderte sie seelenruhig davon. Tsubasa schloss kurz die Augen. „Paranoia.“, meinte er leise. „Reine Paranoia – sonst nichts!“ „Tsubasa?“ Er zuckte zusammen und wandte sich um. Sanae war doch wach geworden und richtete sich verschlafen auf. „Was machst du denn da?“ „Nichts.“ Tsubasa kam zu ihr zurück. „Ich bin nur kurz wach geworden.“ „Hm?“ Sanae rieb sich die Augen. „Wieder so ein Traum?“ „Ich weiß es nicht genau, vielleicht.... wahrscheinlich. Ich kann mich aber schon nicht mehr dran erinnern, ist also halb so wild.“ Er kroch wieder zu ihr unter die Bettdecke. „Gut.“ Sanae kuschelte sich an ihn und schloss die Augen. „Schlaf weiter, ja?“ „Ja.“ Tsubasa gab ihr einen kurzen Kuss, und Sanae lächelte zufrieden. In der nächsten Sekunde schlief sie bereits wieder tief und fest. Tsubasa lag noch einige Zeit wach, aber schließlich fielen auch ihm wieder die Augen zu, nachdem er den festen Beschluss gefasst hatte, den Stein mitsamt der Gestalt endgültig zu vergessen. Solange Sanae da war, konnte das sogar funktionieren..... Hosted by Animexx e.V. (http://www.animexx.de)